Wer hat Angst vor dem schwarzen Band?

Neulich hab ich eine Meldung gelesen, dass die Verkäufe von Audiokassetten im Jahr 2017 um 35% gestiegen sind. 35 Prozent! Man hat wohl im Jahr 2016 ca. 129 000 Stück verkaufen können und im letzten Jahr nun 174 000. Das behauptet zumindest die verlässliche Quelle des Hollywood Reporters. Hä? Fragt ihr euch jetzt, warum der bekackte Hollywood Reporter auf einmal eine Quelle für musikrelevante Themen ist?

Ja nun – der Grund für diesen rasanten Anstieg der Verkäufe sind die Soundtracks von Serien und Filmen. Vor allem der Soundtrack zu den beiden Teilen von „Guardians of the Galaxy“ wurde im Jahr 2017 zum Kassenschlager, oder besser zum Kassettenschlager, haha. Auf den ersten drei Plätzen der Verkaufscharts für Audiotapes halten also die Hüter der Galaxie Wache (*). Auf dem vierten Platz mit 3000 verkauften Kassetten folgt dann auch schon der Soundtrack zu der Serie „Stranger Things„.
Und daran kann man auch schon erahnen, warum ausgerechnet diese Musik auf Kassetten so beliebt ist – Das Ambiente von „Stranger Things“ ist ja sowas von in den 80er Jahren angesiedelt, dass man vor lauter Referenzen fast nicht mehr der Story folgen kann. Und da passt natürlich das Medium der Kassette ziemlich gut mit rein – zugegeben auch die Schallplatte, die natürlich ebenfalls verkauft wird (anderes Thema). Denn das echte „Stranger Things“ Feeling kommt natürlich nur mit einem Relikt aus den 80ern so richtig gut. Sei’s drum. Nur, wer hört sich das eigentlich komplett an? Die Titelmelodie, ok. Aber den ganzen Rest? Nun ja.

Bei „Guardian of the Galaxy“ ergibt die hohe Verkaufszahl noch viel mehr Sinn, wenn man die Filme denn kennt. Denn hier hat der verrückte Held und Abenteurer der Geschichte Peter Quill in seinem Raumschiff ein Kassettendeck und auch nebenbei noch einen funktionierenden Walkman, in denen er stets sein „Awesome Mix Vol. 1“ abspielt, den er von seiner Mama bekommen/geerbt hat. Der Kassette als Medium wird in beiden Filmen Raum gegeben und in einem gewissen Rahmen wird die Kassette auch in die Handlung einbezogen, sodass man auf jeden Fall von ihr Notiz nehmen muss. Die anschließende Vermarktung erscheint dann nur logisch und konsequent – wenn ihr oben auf den Link zum Film klickt, sehr ihr das auch. Man kann einem Großkonzern ja nicht übel nehmen, aus allem den letzten Penny herauszuquetschen. OK, kann man schon, aber fragt doch mal zum Beispiel George Lucas, wie viel Millionen Dollar egal ihm das ist.

Aber das ist ja alles auch nur Geld und uninteressant. Ich finde es viel spannender, dass ein qualitativ absolut schlechtes Medium sich seit ein paar Jahren so großer Beliebtheit erfreut. Denn das hat ja nicht erst letztes Jahr angefangen. Gemeinsam mit dem Vinyl-Hype, gegen den meiner Meinung nach nicht ernsthaft etwas einzuwenden ist, hat sich auch die Kassette angeschickt, das Herz der musikbegeisterten Menschen wieder zurück zu erobern (Siehe Cassette Store Day 2013). Aber haben die Leute denn vergessen, was die Kassette alles für Probleme gemacht hat? Bandsalat, Leiern, etc. Kann es sein, dass man sich hier eigentlich nur die Dinger ins Regal stellen möchte und eigentlich auch gar kein Gerät mehr zum Abspielen besitzt? Kann es sein, dass dieser kleine Hype eigentlich nur blöde Hipsterkacke ist und Menschen, die nicht einmal aus nostalgischen Gründen den Quatsch kaufen, sich hier durch billige Marketingstrategien verarschen lassen und Staubfänger kaufen, die ihr leeres Leben auch nicht auffüllen können?

Es ist ein schmaler Grad zwischen Sammeln und Anhäufen. Ich persönlich mag es nicht, nutzloses Zeug herumliegen zu haben. Dazu zählt für mich gerade auch bei Vinyl die verhasste Picture Disc. Oder eben originale Audiokassetten – denn auch dort bin ich natürlich inkonsequent – Aufnahmkassetten für einen Mix sind vollkommen in Ordnung, gerade hier lag und liegt ja der Vorteil von dem Medium. Man kann es selber gestalten! Jede andere Form der Kassette ist aber scheiße.
Und genau dort hört der analoge Spaß eben auf, wenn es nur um ein Sammelobjekt; um ein neues Accessoire geht. Eines sollte doch klar sein: bei Tonträgern geht es in erster Linie immer um die Musik. Die Verpackung ist toll und wichtig und eine gute Aufmachung trägt zu einem gewissen Prozentsatz auch zur Kaufentscheidung bei. Aber der Inhalt ist doch das, was am längsten bestehen bleiben sollte.

* Verkaufscharts:
01. Soundtrack – Guardians of the Galaxy, Vol. 2: Awesome Mix Vol. 2 (19,000)
02. Soundtrack – Guardians of the Galaxy: Awesome Mix Vol. 1 (15,000)
03. Soundtrack – Guardians of the Galaxy: Cosmic Mix, Vol. 1 (5,000)
04. Soundtrack – Stranger Things, Volume One (3,000)
05. Eminem – The Eminem Show (3,000)
06. Various Artists – The Hamilton Mixtape (3,000)
07. Prince and the Revolution – Purple Rain (2,000)
08. Twenty One Pilots – Blurryface (2,000)
09. Kanye West – Yeezus (2,000)
10. Nirvana – Nevermind (2,000)