Goldzilla – Goldzilla vs. Dortmund

Manchmal bin ich zu doof für Englisch und Spanisch und alle anderen Sprachen außer der meiner Mutter. Dann hänge ich ne Woche an den Lippen irgendwelcher deutschsprachigen Punk Bands, die Deutschland kacke finden und freu mich riesig darüber, wie eloquent und in welcher Vielfalt man seine Missgunst gegenüber Mackern, Bullen, Faschos und Kapitalisten zum Ausdruck bringen kann.

So schön kann Deutsch sein. Bei Goldzilla in Berlin findet man nicht nur Dreampop, sondern auch zwischendurch noch sowas wie Liebeslieder. Oder zumindest Ohrwürmer, die sich nicht um oben genannte Reizthemen drehen. Schön.

Was? Das ist nicht alt. Du bist alt.

Valley Street – S/T CS

Eine Hommage an die 90er Jahre Krachfabrik aus den Kassettenrekordern auf den Schulhöfen nachmittags um vier. Indie Punk Rock Garage Gewusel um die James Brothers (oder Cousins? Keine Ahnung, gleicher Nachname, verwandt) aus Omaha mit jeder Menge verzerrten Gitarren und Melodien, viel Scheppern und eine Menge Schieflage hier und da.

Valley Street! Das sind einerseits ein paar Jungs in der "Neubauphase" ihrer Band in Dielheim / BW, die gerade nur noch "Lead Gitarre, Rhythmus Gitarre, Gesang, Schlagzeug, Keyboard" suchen und dann gehts ab. "Let’S Have Fun".

Das ist aber andererseits auch unbeschwerter, sonniger und fröhlicher Gute-Laune-Sound mit genügend Lärmappeal, um dazu noch ein bisschen Skateboard zu fahren. Und damit meine ich die 4 Jungs aus Omaha’s Club der coolen Leute. Viel unterschiedlicher Kram kommt hier aus der Garage zusammengefegt, das macht gute Laune und erinnert bei guten Momenten sogar ein bisschen an Action Patrol. Cool.

Dirtbag Distro. Auf Kassette erschienen und mit 27 Minuten in 11 Liedern fast schon zu lang für die Aufmerksamkeitsspanne meiner Hörer- und Leserschaft. Reißt euch zusammen – lohnt sich.

Faucheuse – Rêve Électrique LP

Man sollte einfach immer zu Hause bleiben und niemals in den Urlaub fahren, sich nicht die Natur und andere Kulturen anschauen und immer brav und gelangweilt vorm Fernseher oder Display hocken bleiben.

Traut man sich nämlich mal raus, merkt man erst wieder, wie scheiße öde das alles um einen ist und wie toll es andere Welten haben. Das kann man sich dann aber leider nicht im Zalando-Katalog bestellen und auch nicht mit ner VR-Brille daheim beim Kacken erleben. Das muss echt sein und nur dann schmerzt es, sobald man wieder den ersten Schritt ins heimatliche Büro gesetzt hat.

Hurra – dazu stimmungsvolle Musik von Faucheuse, was so viel bedeutet wie eine Mähmaschine. Ich als Kind vom Land hab natürlich direkt den akustischen Zusammenhang hergestellt zwischen Band und Name. Nicht. Keine Ahnung, was das soll, aber in Frankreich gehen den Bands wohl auch so langsam die Substantive aus.

Faucheuse aus Bordeaux dreschen auf jeden Fall angenehm geschmeidig mit ihrem Punkigen (Post) Hardcore eine Schneise in den langweiligen Nachmittag und machen Lust auf die nächste Achterbahnfahrt ohne Festhalten. Tolle Mischung aus Lärm und Melodie, Platsch und Plätschern. Bester Start in die Woche.

Symphony Of Destruction. Kann man auf LP kaufen. Eignet sich auch für die Fahrt in den Urlaub irgendwohin, wo alles nach ein paar Monaten genauso kacke ist wie zuhause, weil man sich ja selber immer mitnehmen muss. Toll.

Steve Albini und Shellac und ich

Man sagt, jeder wisse noch heute, was er am 11. September 2001 gemacht hat. Und zwar nicht nur die Barbaren in der westlichen Abendland-Welt, sondern auch die zivilisierten Araber im Morgenland. Der Tag, an dem ein paar Verrückte beschlossen, mit großen gekaperten Flugzeugen in zwei Hochhäuser in New York City zu fliegen, ging in die jüngere Geschichte ein und so, wie damals die Mondlandung bei Opa und Oma, wurde auch dieses einschneidende Erlebnis live im Fernsehen übertragen.
Jeder weiß, wo er war und was er gerade gemacht hat, als ihn die Nachricht erreichte, dass die Türme eingestürzt sind. Rumms, einfach weg.

Ich zum Beispiel war auf dem Weg nach oder bereits in Berlin, ist ein bisschen verschwommen. Gemeinsam mit meinem damaligen Gitarristen und Kumpel bin ich im Zug nach Braunschweig gefahren, wo uns unser damaliger Sänger und Kumpel ins Auto verfrachtete und bis zum Maria am Ostbahnhof fuhr. Wie das damals so war, liefen die ganze Fahrt über irgendwelche Kassetten und man hat geraucht und gelacht und voller Vorfreude auf das bevorstehende Konzert noch ein paar Lieder mehr vom letzten Album durch das leiernde Tapedeck gejagt. Am Abend sollten Shellac spielen. Die Band hatte ich zwei Jahre zuvor bei einer anderen Frau (Vera) in Groningen gesehen und wurde damals absolut umgehauen von der Performance, dem Sound, der Atmosphäre und dem kleinen Mann am Mirko da vorne auf der Bühne.

Als wir in Berlin einfuhren, war auf einmal sehr viel Polizei unterwegs und alle wirkten irgendwie recht nervös, schlecht gelaunt und angespannt. Ich glaub, wir haben dann mal das Autoradio angemacht und erfahren, was auf der anderen Seite des Atlantiks am Tag geschehen war. So richtig verstanden hab ich das damals nicht, auf keinen Fall konnte ich erahnen, was das für die Zukunft der Welt bedeutete. Uns war das an dem Abend relativ egal – wir haben uns auf die Show gefreut und allem Anschein nach hatten auch Shellac nichts Besseres zu tun, als in der ollen Halle am Ostbahnhof ein Konzert zu spielen.

Auch an diesem Abend hab ich mich komplett im Sound der Band verloren und konnte sogar die neuen Songs genießen, die dann erst 6 Jahre später auf Vinyl erscheinen sollten. Was für eine Band, was für ein Typ, sind das da selbstgebaute Verstärker? Puh, was für ein Typ.

In den Jahren danach sind Shellac immer wieder nach Europa gekommen und ich bin der Band im gleichen Rhythmus auf die Konzerte gefolgt und wurde nie enttäuscht. Zwischen der Vera ’99 und dem Festsaal Kreuzberg ’22 lagen ein paar tolle Abende mit Shellac, aber das beste Konzert war tatsächlich das erste und das schlechteste irgendwie auch das letzte, obgleich ich nie ein "schlechtes" Konzert von der Band erlebt habe. Festsaal Kreuzberg ist halt einfach kacke. Man bewertet Gold wohl anders, wenn man viel Gold gesehen hat.

Irgendwie hab ich die letzen Alben alle nicht mehr so häufig gehört wie die ersten Singles und meine Bewunderung für die Band ist eher einer Bewunderung für Steve Albini gewichen. Er ist mehr als Person und Persönlichkeit in den Fokus gerückt. Der Musiker und Produzent (Verzeihung, Engineer) trat dabei in den Hintergrund. Ich könnte viele Videos hier reinstellen, die man sich mal ansehen sollte, oder die endlosen Threads und Kommentare, die allesamt sehr lesenswert sind…sucht euch die besten Sachen einfach mal selber heraus.

Stellvertretend, und weil es mein Leben nachhaltig beeinflusst hat:

Wir sind nachts noch nach Braunschweig zurück gefahren, nachdem wir einen kurzen Aufenthalt in der Notaufnahme hinter uns bringen mussten. Mein Gitarrist und Kumpel hatte sich das feuchte Taschentuch gegen den Lärm zu weit ins Ohr gedrückt und bekam es nur noch mithilfe von chirurgischer Hilfe wieder heraus…wir hatten damals noch nicht verstanden, dass dieser "Lärm" der beste Sound der Welt ist und dieser Mann da am Mikro das Talent und den Willen dafür hat, diesen Lärm auf tausenden Alben anderer Bands festzuhalten.

Was für ein Typ. Schade, viel zu früh.

Cell Deth – Demo

Ach, wozu hat man Freunde? Fifa zocken? Bier trinken? Wahlkampfhelfer verprügeln? Ja, bestimmt.
Aber das schönste ist doch, wenn man einen gemeinsamen Musikgeschmack teilen und sich gegenseitig neue Bands mit Begeisterung vortellen kann.

Zum Beispiel Cell Deth aus Epekwitk von den Prince Edward Inseln. Die stelle ich mit Freude meinen Freunden hier vor, aber auf solch eine entlegene Hardcore Insel wäre ich von alleine gar nicht gekommen. Danke, Jan.

Das vierköpfige Geschoss spielt eine brachiale Version von Hardcore Punk mit extra Schepper in der Sauce und wenn ein Song mal über eine Minute dauert, liegt das schon an einem famosen mid-tempo Breakdown, der sich nach Knochenbrüchen vor der Bühne anfühlt. Ziemlich tolles Demo – nicht zu verwechseln mit Cell Death.

Eine Single kommt da bald auf 7″ bei Sewercide Records heraus, davon kann man auch schon mal einen Song hören. Klingt aber genauso, also tuts auch das Demo – hier hat man immerhin 4 statt nur einer Minute Ohrenbluten. Schönes Wochenende.

Malin Pettersen – Seasons

Na, freut ihr euch auch schon aufs Wochenende? Ist ja immerhin schon Dienstag und morgen nur noch ein bisschen und dann wieder 4 Tage wach, um den Schlaf anschließend im Büro nachzuholen. Und es dreht sich immer so weiter.

Und dann passt man ne Minute nicht auf und ist 30 geworden und 40 geworden und 50 geworden und was zur Hölle ist mit den Haaren passiert und wohin geht das Augenlicht, wenn es dunkler wird?

Malin Pettersen  aus Oslo hat sich dazu Gedanken gemacht und mit ihrer Gitarre und einem Rekorder in ihren Schrank gehockt und ein Album eingespielt. Wunderschön. Leider nur 6 Lieder, danach musste sie dringend aufs Klo und schließlich ist das ein folkiges Singer-Songwriter Album und kein pissestinkendes Punk Rock Manifest. OK.

Die With Your Boots On Records. Kommt erst im September heraus und vielleicht dann auch auf einem physischem Tonträger, wer weiß. Wenn die Augen so richtig schlecht werden, kann man offensichtlich immer noch Cover für Singer/Songwriter Alben entwerfen, passt doch!

Drip-Fed – Sold For Parts LP

Ich hab kürzlich gelesen, dass sich inzwischen schon über 110.000 hirntote Menschen in das Online-Register eingetragen haben, in dem die Entscheidung für oder gegen eine Organspende gespeichert wird. Demgegenüber sind die 8.500 Menschen, die auf der anderen Seite der Liste stehen und auf ein neues Organ warten, bevor sie hirntot sind, doch eigentlich überschaubar.

Da müssen wohl einfach ein paar Leute von den Listen sterben, sonst ist niemandem geholfen. Sorry.

Oder man macht es einfach so, wie Drip-Fed mit ihrem neuen Album suggerieren und verkauft seine Einzelteile an den Höchstbietenden. Nieren werden händeringend gesucht und die meisten Menschen haben zwei, da kann man richtig Asche machen.

Naja, musikalisch ist der neue Song dementsprechend auch von launigem Hardcore gezeichnet, der zwischen Post- und Punk- mäandert. Technisch versiert und mitreißend abgemischt, präsentiert sich die Band aus Austin zu ihrem 10. Geburtstag in bester Spiellaune und bester klanglichen Gesellschaft mit Bands wie Bronx oder Fucked Up. Ganz geil.

Head2Wall Records. Die LP mit 11 Songs kommt im Juni heraus. Bis dahin vielleicht schon einmal anfangen zu sparen oder mit dem Verkauf von überschüssigen Organen anfangen. Geld braucht man immer, aber auf ein Zwerchfell kann man auch verzichten.

Pardoner – Paranoid In Hell 7″

Schöne poppige Punk Rock Nummer, die ich so bei dem Label gar nicht erwartet hätte. Wie divers, wie schön.

Pardoner kommen aus San Francisco und haben schon eine ganze Menge verstörender Musik veröffentlicht, die sich irgendwo zwischen der Vertonung von ausgekratzten Bongresten von bekifften Hippies und den ausgelatschten Turnschuhen von College Punk Rockern mit Brille ansiedelt.

Shoegaze Post Punk mit Gesang verziert, bei dem man sich manchmal fragt, ob der Walkman gerade leiert oder ob das Absicht ist. Künstler. Cool.

Convulse Records. Dort erscheint demnächst die neue Single der Band mit vier Songs und man kann das Vinyl bereits vorbestellen. Die ersten 100 limitierten sind schon aus. Wie schön.

Skabs – World Burner CS

Auf dem revolutionären 1. Mai Spaziergang durch die Institutionen ist mir gestern ein junger Knabe aufgefallen, der eine Baseballkappe mit dem Schriftzug "N.Y.C. – Freestyle" trug. Da hab ich mich gefragt, ob wohl zur gleichen Zeit in N.Y.C. ein junger Knabe mit einer Baseballkappe herumläuft, die den Schriftzug "Stuttgart – Kehrwoche" trägt. Wäre ja irgendwie schön, diesen Kulturimperialismus einfach auch mal umzudrehen. Oder auch nicht, wenn man drüber nachdenkt. Ach, egal.

Skabs aus Bury im vereinigten Königreich machen irgendwie Metal Punk mit schaurigem Gesang und nennen es Blackenend-Punk. Ich hab mit den Genres nicht so viel am Hut, aber die 4 Songs von dem neuen Tape der Band knallen bei 30 Grad in der Sonne und Dosenbier ordentlich in den Kopf und treten gleichzeitig schwungvoll in die Eier. Eine schöne Kombination. OK!

Noise Merchant hatte da ein paar Kassetten mit bespielt, aber die sind fast schon ausverkauft. Man könnte noch digital bei der Band für 5 Pfund oder für 10 Dollar das Tape erstehen. Zu viele Währungen, ich raubkopiere. Oi.

Gel – Mirage

Ein neuer Song von der Hardcore Band des letzten Jahres. Falls ihr heute ordentlich in den Mai tanzen wollt, dann testet doch mal mit dem neuen Song von Gel eure Standfestigkeit, bevor ihr euch mit den Dorfdeppen prügeln geht.

Die Band hat ein feines Händchen für den Spannungsbogen zwischen Spaß am Pöbeln und Nasenbluten. Da wird es wohl auch dieses Jahr schwer, daran vorbei zu kommen. Mit dem Wechsel von Convulse Records zu der neuen Spielwiese des ehemaligen Roadrunner Records Chefs sind die 5 Dödel aus New Jersey bestimmt einen guten Schritt gegangen. Keine Ahnung, wo die hin wollen, aber der Schritt ist bestimmt sinnvoll.

Wenn die anderen Songs der neuen EP, die im August erscheinen wird, ebenso knattern wie der hier, dann haben sie auf jeden Fall keinen Fehler gemacht. Mal sehen.

Blue Grape Music. Die EP wird 5 Songs haben und Persona heißen. Wenn man das Cover lange genug anstarrt, bekommt man ebenfalls Nasenbluten. Ganz ohne Pöbeln.