Silicon Heartbeat – 2889 7″

Ist das eigentlich normal, dass jetzt auf alle Produkte, die nicht tierischen Ursprungs sind, so ein Aufkleber mit "Vegan" geklebt wird? Braucht man den Hinweis, dass das Spülmittel und der Wagenheber, die Axt und die Taschentücher vegan sind?
Ich mein, ist das tatsächlich ein Pluspunkt für das Produkt und wird das dann häufiger gekauft? Wäre mal interessant zu wissen.

"Schau mal Herbert, für dieses Deo ist kein Tier gestorben, das nehmen wir mit." "Aber es stinkt." "Nicht vom Thema ablenken, denkst Du denn gar nicht an die Umwelt?". Ach, ich schweife ab.

Silicon Heartbeat bringen eine neue Single mit 5 Songs morgen raus. Nee, gestern. Da erwarten einen aber auch keine Überraschungen, das ist immer noch eingängiger und dreckiger Synth-Punk mit Pop Appeal. Eigentlich war dieser Herzschlag ja mal ein Soloprojekt, aber jetzt ist das zu einer richtigen dysfunktionalen Band geworden, die live spielt und zu der man nicht nur im Wohnzimmer sondern auch in Jugendzentren tanzen kann. Ziemlich cool.
Wenn ihr also in Michigan Party machen wollt, meldet euch bei den Mutant Punks in Kalamazoo. Erste Vinyl-Veröffentlichung im Bandformat inklusiver eines Cover-Songs von Kraftwerk. Cool!

Feral Kid Records. 300 Stück auf schwarzem Vinyl. Wie vegan ist eigentlich Vinyl? Hm. OK.

Industry – A Self Portrait At The Stage Of Totalitarian Domination Of All Aspects Of Human Life

Puh, ich hab die Überschrift gerade einmal fertig getippt, da waren die beiden Songs auch schon wieder vorbei.
Zu meiner Verteidigung muss ich aber sagen, dass hier gerade die Heizung ausgefallen ist und meine Finger recht unbeholfen über die Tastatur tanzen und dabei mehr das Stolpern als grazile Anmut zelebrieren. Also recht ähnlich meines allgmeinen Tanzstils. Das sieht zwar immer so aus, als wäre man besoffen und ist deswegen auch entschuldbar, aber ich trink ja nur noch Erdbeerschorle. Egal.

Industry haben anscheinend eine Menge zu erzählen, zumindest mutet das der ewig lange Titel des Albums und die gehobene Mittellänge der Songs an. Naja, ist ja im Post Hardcore Bereich nicht unbedingt ungewöhnlich. 9 Songs werden es sein, 2 davon darf man schon einmal hören und die 3 Minuten 40 sind hervorragend geeignet für den Frühsport und den Hampelmann und ein paar Kniebeugen. Irgendwie muss man ja warm werden.
Bis das ganze Album Ende Februar erscheint, habe ich einen kompletten Fitness-Plan erstellt, der zu den wunderbar aggressiv-verspielten Klängen der Platte passt. Auf geht’s.

Static Age. Wissen die nicht, dass wir ein Schaltjahr haben oder warum wird die LP (?) am 28.02. veröffentlicht? Gibt es im Jahr 2024 Bandcamp Mittwoch oder so? Hm. Verrückt. Falls euch interessiert, woher der epische Albumtitel stammt: The Society Of The Spectacle

Nasti – People Problem LP

Na, Freunde? Sollen wir mal so langsam die nicht verzehrten Nikoläuse einschmelzen, das Lametta aus dem O-Tannebaum pulen und die hässlichen Sitzbezüge fürs Auto von Tante Rita mit Brandflecken verschönern?
Das neue Jahr läuft ja schon ne Weile und schlauer sind wir alle anscheinend nicht geworden, dann können wir auch so weitermachen, wie bisher, ne? Hinein in die misanthropische Unterhaltungskatastrophe!

Und wer könnte da zu Beginn besser reinpissen als die schlecht gelaunten Leute aus Olympia und Seattle? Laut eigener Aussage halten Nasti die meisten Menschen für Müll, und in einer sehr verdichteten und verkürzten Komprimierung der Erfahrungen aus den letzten Jahren könnte man auf ähnliche Lebensphilosophien kommen. Hardcore Punk wird die Welt nicht retten, aber die Enttäuschung hinausbrüllen und das Feuer am Brennen halten. Ist ja auch was.

Static Shock für Europa und Iron Lung für USA. Der Rest der Welt muss mehr bezahlen. Ab dem 26. Januar auf gelbem und schwarzem Vinyl veröffentlicht. Jetzt wird hier mal sauber gemacht. Kann man eigentlich diese Raffaello Himbeer und Mon Cheri Wodka für Karneval wiederverwerten oder ist das Körperverletzung?

Dead Years – Night Thoughts LP

Irgendjemand hat mal behauptet, das zweite Album sei das schwierigste für eine erfolgreiche Band. Ähnlich wie bei einem Fußballclub, der zuächst eine sensationelle Saison spielt und im zweiten Jahr total abkackt. Nee, völlig falsche Analogie. Ach, egal.

Zum Glück schwimmen Dead Years aus Bielefeld in den unterirdischen Gefilden der Musik-Kommerz-Industrie und können sich von solch banalen Dingen wie Erfolg oder Standards freimachen. Ich höre jedenfalls keinen großen Unterschied zum ersten Album, das vor zwei Jahren erschienen ist. Und warum auch? Die Labels sind dieselben, die Band ist noch nicht nach Berlin gezogen und das Trio muss noch immer in der banalen Region von Ostwestfalen-Lippe seine Depressionen in schwarzen Klamotten und düsteren Liedern auf die Straße tragen.
Das kann man in den ersten beiden Songs des neuen Albums schon sehr gut heraushören – auch hier sind düstere Post Punk Motive vorherrschend und die Band klingt desöfteren so, als ob sie jemandem vorspielen solle, wie eigentlich diese Hysterese einst geklungen haben. Das ist nicht schlimm, das klingt toll. Und fairerweise muss man anerkennen, dass Dead Years eine Person weniger zur Verfügung für den Sound haben, als die Tübinger einsetzen konnten.

Hier ist ein sehr rundes Album auf einer sehr runden Schallplatte entstanden, das mit dem prima Debüt locker mithalten kann und nicht nur zu schaurigen Gedanken des Nachts über seine verschwendeten Jahre einlädt, sondern auch einfach wunderbar tanzbar ist, wenn man die Negativität in heftigen Bewegungen abschütteln kann. Toll.

Dirt Cult (USA) und My Ruin (DE). Erscheint Anfang Februar und dürfte schon früh im Jahr bei manchen Leuten auf den Best-Of Listen von 2024 landen, wenn die Band nicht im Laufe der nächsten 11 Monate unter dem Radar verschwindet. Also Leute, stellt euren Radar ein und besucht ein Konzert der Band. Ihr werdet nicht erraten, welcher Song von welchem Album stammt. Wetten?

Zweilaster – Scheiblettenkäse & Sehnsucht LP

Von Cover über Titel bis zum Inhalt ist hier alles ein Fallbeispiel für das hübsche Wort "skurril" und eigentlich gehört ein Bild und mindestens ein Song der Platte von Zweilaster ins digitale Lexikon neben den Begriff der Skurrilität.

Es ist eben einfach eine Spur neben dem, was im Allgemeinen als "normal" angesehen wird und wenn die beiden (Arno und Marie) das auf die Spitze treiben, ist die Grenze zur Psychopathologie schon fast überschritten. Auf Deutsch heißt das dann, die seien verrückt.

Ja, das ergibt alles irgendwie Sinn. Nicht umsonst bezeichnen sie selber ihre Musik als eine Form der Kunsttherapie. Klingt jetzt alles ein bisschen hippiesk, was? Naja, früher hätte man da vielleicht Avantgarde oder Post Punk zu gesagt, als noch Bands wie Wirtschaftswunder mit "Analphabet" oder Zero Zero mit ihrem ersten Album um die Ecke kamen. Ja, das klingt nach Anfang der 80er und experimentierfreudig und, ähm, naja, anders.
16 Songs, sehr unterhaltsam und eventuell wird das sogar von der Krankenkasse bezahlt. Ab über den Tellerrand!

Tomatenplatten. Das Album erschien bereits im letzten Jahr, aber Thomas hat das jetzt auf Vinyl gepresst. Streng genommen ist eigentlich alles in meinem Plattenregal eine Form von Therapie, wenn man mal drüber nachdenkt. Scherztherapie, Traumatherapie, Tanztherapie…alles da.

Meat Shirt – Army Of Dolphins E.P.

Was zur Hölle ist ein Fleischhemd? Oder nennt man das in Frankreich so, wenn man nackig durch die Gegend läuft? "Schau mal, da sitzt Jacques in seinem Weindepot und der hat wieder nur sein Fleischhemd an, der Lümmel." Klingt nach einem recht infantilen Witz, aber was weiß ich schon von Humor.

OK, die Band aus Saint Brieuc hat hier auf dem Debüt 6 nette und teilweise mitreißende Songs der Marke Post Hardcore bis Punk Rock eingespielt, wobei die Betonung auf Rock liegt. Dabei überzeugt Meat Shirt den hungigen Hörer mit Titeln wie "Fish", "Sugar" oder "Army of Dolphins".

Sehr gut abgemischt, sehr gut gespielt, da kann man nicht meckern. Ein bisschen zu gut abgemischt, ein bisschen zu sauber gespielt und ein bisschen zu lange Songs. Da kann man schon mal meckern. Für Punk Rocker über 30. Aber gibt es heute noch andere? OK.

Phantom Records und Destructure Records. Einseitig bespielte 12″ LP mit hübschen Bildle drauf. Angeblich ist die "Armee der Delfine" inzwischen ja wieder aktiv und bewacht unter anderem den Krim-Hafen Sewastopol. Da sollte man dann nicht mit seinem Fleischhemd schwimmen gehen. Was für ne kack Welt, ey.

Armin und X-Mist Records und ich

Scheisse. Armin Hofmann ist gestorben. Der Kerl hat mir vor einer Ewigkeit zu dem Grundstein meines Musikgeschmacks verholfen und mit den frühen Emo-HC Singles aus dem Hause Ebullition, Gravity und dergleichen ewige Ohrwürmer in mein Plattenregal gestellt. Da hab ich noch aufm Dorf in Niedersachsen gewohnt und hatte keine Ahnung. An die Hand genommen von dem Bruder meines Freundes haben wir Mitte der 90er einmal Armin in seinem Laden besucht. Es war eine Ausnahme, eigentlich wollte er seine Ruhe haben am Wochenende, aber für uns und einen Kasten Tannenzäpfle hat er die Pforten zu X-Mist Records damals dann doch geöffnet. Erstaunlicherweise wusste er, wer ich bin. Der kleine Scheißer aus dem Dorf, der auch bei anderen Scheißern aus dem Dorf immer 2-3 Singles oder mal eine LP mitbestellte, damit sich das Porto lohnt. Und dem Scheißer drückte Armin eine Platte in die Hand, von der er meinte, dass sie ihm gefallen könnte. Seitdem bin ich Fan von Karate. Danke.

Ganz nebenbei kamen über den Mailorder und sein Label immer wieder Sachen heraus, die unglaublich großartig waren. Doch meistens wurde zunächst das eigene Klangwohlgefühl und die Hörgewohnheit getestet, denn oftmals gab es etwas Anderes und Neues zu bestaunen. Stillstand war nicht die Sache vom ExtremMist-Records Armin. So zum Beispiel das Erlebnis, als ich das erste Mal World/Inferno Friendship Society hörte. "Hä? Oh. Hä? Abgefahren. Oha, voll geil." (Mega oder cool sagte man damals noch nicht) Oder die spannendere Band von Lee Hollis, die nicht so den Status erlangte, die sie verdient hätte? 2 Bad. Dawnbreed, Monochrome oder die ersten Shellac Singles, die man nur dort bei X-Mist bekam. Hä? Oha. Sehr geil. Wusstet Ihr, dass Armin eine Split Single mit NOFX Ende der 80er herausgebracht hat, auf der eine alternative Version des Songs "S&M Airlines" zu finden ist? Dazu noch ein Reissue meiner Lieblingsband Big Boys und Jahre später wieder einmal den Finger am schwachen Puls der musikalischen Verödung Europas…mit Sleafaord Mods hatte er ebenfalls bereits früh erkannt, was eigentlich neue und coole Punk Musik so im Jahre 2013 bedeutet und wie es klingen kann.

Seine Liebe zu den südlichen Gefilden Deutschlands und den Alpenregionen drückte sich nicht nur in seinem Biergeschmack aus (s.o.), er war auch stets begeisterter Fan von Dialekt und ursprünglicher Instrumentierung. Das habe ich nicht so teilen können, da ich nix verstehe, was nicht einigermaßen Hochdeutsch klingt, aber seine Begeisterung war immer spürbar und da war es wie mit allen anderen musikalischen Dingen auch. Entweder er findet es großartig und erklärt Dir auch, warum oder er findet es scheiße und langweilig und erklärt Dir auch, warum.
Letzte Woche hatten wir letztmalig Kontakt wegen einer Bestellung und er schrieb noch, dass er aufgrund des Krebses wieder und wieder in Behandlung sei und es deswegen auch mal zu Verzögerungen kommen könne. Und jetzt ist er weg. Und er wird mir fehlen. Was aber bleibt, ist die Musik und das Bewusstsein für alternative Hörgewohnheiten. Hoffentlich bleibt das alles erhalten und wir stumpfen ohne ihn alle nicht musikalisch ab.

Und sonst? Scheiss Krebs. Und: Danke für alles, Armin – Du hast immer wieder haufenweise Perlen vor die Säue geworfen und bist Deiner Linie dennoch und gerade deswegen treu geblieben – ich hab extrem viel Freude durch Dich erleben dürfen und bin froh, Dich gekannt zu haben!

Imploders – S/T LP

Also sieht man sich das Cover für die neue Imploders LP an, müsste man dem Künstler leider sagen, der habe das Thema verfehlt. Ich mein, der Kopp explodiert doch, oder sehe ich das falsch? Naja, das ist Hardcore, da muss halt etwas explodieren. Passt schon.

Zwei Songs jetzt schon einmal zum Vorhören und Vorbestellen – insgesamt sind es 16 Lieder geworden, die dann wohl in ca. 22 Minuten abgefrühstückt werden. Rattapeng – geiler Scheiss aus Toronto.

Static Shock Records. In rot und schwarz auf Vinyl zu kaufen und jeder Song kostet ein Pfund. Warum nicht.

Bocce – Good For You

Achtung, es wird noch schlimmer.

Bocce aus Los Angeles machen so richtigen Indie Rock. So einen Sound, den man als Punk Rocker und Hardcore Kid zu verachten gelernt hat, weil das ja weichgespült und auf kommerziellen Erfolg getrimmt ist und belanglosen Scheiß von tausenden anderen Bands stumpf wiederholt. OK? Ja, weißt Du,…das ist vielleicht Deine Meinung, Mann.

Bocce haben sich erst letztes Jahr gegründet und machen tatsächlich eine große Dose mit gemischten Indie-Rock-Nüssen auf, in der so leckere Sachen wie Strokes, Yeah Yeah Yeahs oder auch Rhonda im Salz der ignoranten Musikindustrie herumliegen.
Kurz abgeleckt, in den Mixer geworfen und heraus kommt ein Debüt mit 10 Songs, die so auch vor 20 Jahren mit Erfolg hätten vermarktet werden können. Das Gute daran ist, dass die Lieder ganz wunderbar in den kommenden Sommer passen, nett die Staustunden auf der Autobahn akustisch abfedern, die Stimmung heben oder senken können, je nachdem, ob sich die Kinder gerade auf der Rückbank streiten oder ein kühles Bier in der Hand liegt.

Ich mag das. Ich werd alt.

Nix Label – Indie 🙂
Bocce ist das englische Wort für Boccia. Kennt Ihr Snobs vielleicht auch unter dem Namen Boules.

The Ballet – Daddy Issues LP

Erinnert sich jemand noch an diesen sensationellen Song "Hello Dad, I’m in Jail" von Was (Not Was)? Großartig.  Musst ich nur gerade wegen des Albumtitels von The Ballet dran denken, obwohl der Grund für die Daddy Issues mit Sicherheit nicht auf einen Knastaufenthalt zurückzuführen ist. Sagt mein Therapeut.
Meistens sind es ja diese Gefühle von Zurückweisung oder die Gleichgültigkeit, die Abstinenz von Geborgenheit und Sicherheit oder einfach nur ein generelles Desinteresse seitens des Erzeugers. Aber Knast würde es auch tun. Wenn der Vater drin sitzt. OK.

Ob die Band hier über den von Carl Gustav Jung propagierten Elektrakomplex singt, kann ich nicht beurteilen, glaube aber, dass "Daddy" hier auch oftmals die Probleme der älteren (schwulen) Herren meint, die sich mit dem jungen Gemüse herumschlagen müssen. Egal.

The Ballet kommen mit ihrem bereits fünften Album mit ziemlich viel Pop um die Ecke, die bei mir gerade ohnehin ausgefegt wurde und wo somit viel Platz für trallala Melodien ist. Ein bisschen Cure dazu, vielleicht Belle & Sebastian? Keine Ahnung, bin ich Musikkritkiker oder was? Gefällt mir bei einem Bier mit Feuerschale am lauen Sommerabend, wenn ich mich frage, warum mich mein Vater eigentlich das letzte Mal vor 18 Monaten angerufen hat.

Fika Recordings haben die durchsichtige Platte Ende Mai veröffentlicht. Auch schön: Kelly Bundy.