Songs: Ohia

Ich muss so ungefähr 18 oder 19 gewesen sein, als meine musikalische Sozialisation absolut und unumstößlich abgeschlossen war. Also für mich, ich war fertig, hatte meinen Geschmack und den für mich richtigen Stil gefunden. Punk Rock mit seinen Ausläufern links und rechts des Genres war für mich das einzig Richtige, was man so auf Platte, CD oder Tape hören konnte.

Und wie das so als jugendlicher Depp ist, man teilt seine Überzeugung gerne und häufig mit, schließlich ist ja genau diese Band und dieses Genre und dieses Bier (Quatsch, wir haben alles getrunken) und genau dieser Song das Beste, was je und überhaupt und wen interressiert das eigentlich?

Auf jeden Fall kann ich mich gut daran erinnern, dass ich gemeinsam mit einem guten Freund in seinem Auto saß und darüber schwadronierte, dass alle Songs über 3 Minuten ein großer Haufen Scheiße sind, während im Hintergrund bestimmt eine Kassette mit Descendents oder Avail lief. Daraufhin wechselte er das Tape und meinte, dann könne mir ja diese Band nicht gefallen – der Song hier sei alleine schon über 7 Minuten lang.
Was folgte war „Captain Badass“ von SONGS:OHIA und auf einmal geriet meine musikideologische Engstirnigkeit ins Wanken. Das Kartenhaus der einseitigen Leidenschaft fiel nach ziemlich genau 7 Minuten und 12 Sekunden in sich zusammen und hinterließ mich verwirrt, begeistert, sentimental und euphorisch. Das kann nur Jason Molina.

Fortan waren die Scheuklappen zwar verschwunden, aber zum Punk Rock und HC bin ich immer wieder zurückgekehrt, weil es natürlich wirklich das Allerbeste und überhaupt, ihr wisst schon. Aber Songs:Ohia, meine Fresse, was für sensationell schöne Liebeslieder. Das Album „The Lioness“ war immer ganz oben auf meiner Liste und auch der Wunsch, das alles mal live zu erleben, war stets groß. Leider hat sich Jason Molina dann totgesoffen und somit blieb mir nur das Warten auf die Wiederveröffentlichung der LPs, denn die Originale konnte ich nicht bezahlen und totgesoffene Musiker spielen keine Konzerte.

Und sieh an, manchmal muss man nur 18/19 Jahre warten, bis endlich das heißersehnte Album in den Händen und auf dem Plattenteller liegt. Mit „Love & Work – The Lioness Sessions“ kam vor kurzem nicht nur das originale Album wieder auf den Markt, es wurde noch mit einer zweiten Platte veredelt – unveröffentlichte Songs aus der Lioness Aufnahme-Session. Dazu noch anderer Krimskrams. Ziemlich geil!
Zwar habe ich nun den physikalischen Beweis für den Riss in meiner musikalischen Biographie, aber die Sozialisation ist wohl noch lange nicht abgeschlossen. Danke.

1 Antwort zu “Songs: Ohia”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.