Gurl – S/T 12″

Mir ist ja neulich aufgefallen, dass der Regen gar nicht aufhört, wenn ich aus Niedersachsen nach Sachsen-Anhalt fahre. Ob das auch mit dem weltweiten Klima so ist?
Das hieße ja, dieses nationalistische Denken ist kompletter Unsinn, weil wir immer alle betroffen sind. Oh nein. Wer sagt es ihnen?

Das Debütalbum von Gurl aus Paris nach ein paar EPs geht in die Indie Rock Richtung der Dorfdisko, setzt sich dort auf den Schoß der Strokes und macht es sich bei den schmuddeligen Dinosaur Jr. Fans mit einer Flasche Lost Balloons gemütlich.

Passt sehr gut zum Nieselregen über die Landesgrenzen hinweg. Hübsch.

La Cèpe Records. Auf LP erschienen. Apropos Grenzen. Die Band bietet die Platte auf ihrer Bandcampseite portofrei für Pariser an. OK.

Damaghead – Lily Gazpacho 12″

Kalte Suppe. Warum? Wusstet ihr, dass diese Ekel-Plörre früher eigentlich gar keine Tomaten enthielt, weil die ja erst im 16. Jahrhundert mit den Sklaven im Dreieckshandel importiert wurden?
Das war eigentlich nur altes Brot, kaltes Wasser mit Öl und Essig. Also quasi ein geschmacksneutrales Salatdressing. Warum?

Gut, früher musste man auch einfach nur satt werden, diese brachliegenden Geschmacksknospen im Mund hat man dann erst im französischen Feuda- und Kapitalismus entdeckt und umsorgen wollen. Aber kalte Tomate reicht da nicht, Leute. Naja.
Die musikgewordene Sommererfrischung aus Suppe nennt sich Damaghead und kommt aus Straßburg. Die machen so Indie Garage Pop mit Herbstlaune im Spätfrühling und dudeln dich zu Tode.
Wenn man einfach nur auf der Fahrt nach Frankreich einschlafen will. Gute Nacht.

Le Cèpe Records. Auf 12″ am Wochenende raus. Eigentlich beginnt doch jetzt die Suppenkasper-Zeit, da wollte ich mich drauf freuen. Und dann kommt diese blöde Stiefschwester Gazpacho um die Ecke und tut wieder so hip. Warum?

Wasted Youth Club – Shared Whining CS

Na, wie war euer "Record Store Day Haul"? Habt ihr ordentlich teure Scheiße gekauft, um die teuer einzurahmen oder noch teurer bei Discogs zu verkaufen?

Nein, ihr tut so etwas nicht. Ihr gehört schließlich zur Punk Rock Elite, wenn ihr das hier lest. Oder zum Bodensatz, der sich das nicht leisten kann mit diesen limitierten Singles und LPs einmal im Jahr. Zwischen Elite und Bodensatz liegt ja oftmals nur ein kleiner Schritt, der mit einem kräftigen Fehltritt in die Eier beginnt und in ausgelatschten Stinkeschuhen Hühneraugen blinzeln lässt. Also nein, kein RSD, kein Kapitalismus. Danke.

Passend dazu der Wasted Youth Club aus Arnhem in Holland. Die Band hat nicht mal eine Platte veröffentlicht, sondern nur eine total limitierte Kassette auf den Markt geworfen und verbeitet darauf eine angenehme Stimmung, die man am Montagmorgen ganz gut gebrauchen kann, wenn die Batterien aus Kopf und Telefon, E-Bike und Taschenlampe leer sind.

Die vier hippiesken Psychedelic Punk Rocker kommen zusammen, heulen sich gemeinsam aus und starten von vorne. Ganz geil. Der musikgewordene Dynamo für den Kaltstart.

La Cèpe Records. 50 Kassetten. Gibt es eigentlich eine Statistik, wie viele Menschen regelmäßig in einen Plattenladen gehen, die sich an den RSDs von den Warteschlangen fressen lassen? Ist bestimmt deprimierend. Naja.

Fragile – Big Big Smile LP

Ach, komm. Warum nicht. Die fünf Jungs aus Angers kommen gerade vom Friseur und haben sich extra alle den gleichen Haarschnitt geben lassen, um das neue Album im besten 90er und 2000er Jahre Emo-Stil promoten zu können, sowas muss man auch ein bisschen wertschätzen.

Hinter der hübschen Topfschnitt-Fassade lungert ein melancholisch melodiöser Mollakkord (tolle Alliteration) mit einer Führung durch den Song, die an Bands aus den genannten Jahren erinnert, als der Sound der adoleszenten Traurigkeit noch frisch war. Aber sowas vergeht ja nicht, das konserviert sich von selbst hervorragend und passt heute genauso wie vor 25 Jahren. 10 Songs, einer jetzt, den Rest zum Erscheinen.

Das Cover erinnert mich von der Farbgestaltung und dem Stil ein bisschen an Van Pelts "Sultans of Sentiment". Crazy.

Wenn ihr Bock auf Knopflochtränentanzen habt, dann ist das genau die richtige Band der Stunde. Fragile. Passender Name für zerbrechliche Zeiten.

La Cèpe Records. Erscheint Ende August auf LP in drei verschiedenen Farben. Wenn ihr bis dahin eurer Emo-Phase bereits entwachsen seid, könnt ihr die Platte mit dem Bandfoto einfach als Ansichtsexemplar zu eurem Friseur mitnehmen. Schön.