Problem Patterns – I’m Fine And I’m Doing Great

Bei der aktuellen Variante von Corona ist Heiserkeit wohl neuerdings eine typische Begleiterscheinung. Mist. Wären es Erschöpfung, Niedergeschlagenheit und Pessimismus könnte ich wenigstens An Der Goldgrube vorbeifahren und mir mit der Diagnose eine Spritze BionTech-Suppe in den Po rammen. So ist es wohl doch nur eine gewisse Wohlstandslethargie und ich muss weiterhin den Mirtazapin Kokain Cocktail schlucken.

Passende Musik von den Problem Patterns aus Belfast. Schöner Schrammel Garage Punk, der sich weigert, den Akkord auf der Gitarre zu wechseln. Im September kommt dann die LP raus mit dem schönen Titel "Boring Songs For Boring People". Gefällt.

Alcopop Records. Wie gesagt, erst im September eine Platte. Bis dahin ein bisschen Salamitaktik aus Nordirlands Bangers Wurst. Yummy.

River Trash Records – Doppelte Ladung CS

Post aus Kanada kam den Rhein entlang geschwommen und ist schmuddlig versifft bei mir angespült worden.

Da stellt sich direkt beim ersten Hören die Frage: Wieso ist dem Punk Rock und vor allem auch dem Garage Punk eigentlich so eine unglaubliche Krachigkeit inhärent. Natürlich gibt es die glattpoliert produzierten Fat Wreck Sachen auch, aber das klingt ja irgendwann immer gleich und langweilig. Dennoch, warum erträgt man solch einen Lärm, der manchmal schon dissonant oder kakophon daherkommt? Ist ein Punk Rocker besonders geduldig und leidenserprobt, sodass er die Schönheit in Dingen findet, die anderen verborgen bleibt? Ist er masochistisch und will einfach durch die vertonten Glasscherbenhaufen laufen, damit er überhaupt etwas spürt? Oder ist es eine positive Gabe, den matschigen und krachigen Filter auszublenden und nur die darunterliegende Kraft der Musik zu empfinden? Oder ist es alles zusammen?

Hier könnt ihr auf jeden Fall eure Resilienz auf die Probe stellen und schauen, wie viel Punk in euch steckt. Zwei Releases von River Trash Records kommen mit einem suboptimalen Sound aus dem Kassettenrekorder gestürmt, der unter dem Deckmantel des Punk firmiert und alles kaputt scheppert, was in den Ohren noch brauchbar war. Zum Einen die Moron’s Morons aus Warschau, die ein fullminantes Konzert in Kyoto gespielt und freundlicherweise mit einem Walkman aufgezeichnet haben – pure Energie in eine grüne Kassette gekotzt und mit Drahtwolle runtergeschluckt. Geil. Und natürlich wieder mit einer Torte beworben – wie (fast) immer bei River Trash Records.


Zum Anderen eine Aufnahme aus dem Jahr 2017 von den Shitbots aus Winnipeg, wo das Label seinen Kühlschrank für die ganzen Torten stehen hat. Shitbots sind uns schon bekannt von der großartigen Split Single mit C.E.O. auf Goodbye Boozy. Die machen auch so Garage Punk mit einer Portion extra Krach. Die ersten Aufnahmen der Band sind jetzt zum ersten Mal physisch auf einer Kassette erschienen und man muss sich fragen, warum.

Das Label selbst bewirbt das Konsumgut mit den Worten: "THIS ALBUM SOUNDS LIKE SHIT!!!!!!!" Genial, auch ohne Torte! (Der Labelboss spielt in der Band ;-))

Vielen Dank – die beiden Kassetten sind gern gesehene Unterstützung in meinem täglichen Kampf für mehr akustische Dissonanz. Manchmal höre ich sie sogar! OK.

Worn Through – Barely Real CS/LP

Wie früher im Plattenladen – Musik wird heute nach Cover ausgewählt. Nach dieser ganzen verdammten Hitze fühl ich mich komplett ausgelaugt. Schöner Begriff eigentlich, ausgelaugt. Kommt ja ursprünglich von einem entspannten Bad in einer Badewanne, wurde dann aber im Laufe der Jahre mehr und mehr verwendet für den Vorgang, etwas aus einem Material herauszuwaschen.

Also zum Beispiel lässt sich Kupfer aus Kupfererz mithilfe einer alkalischen Suppe prima herauswaschen. Das, was dann nach dieser Tortur übrig bleibt, ist ausgelaugt. Schön.

Und so fühl ich mich. Zwar frisch gewaschen, aber sämtliche Energie wurde mit dem Bade ausgekippt. Musikalische Untermalung hierzu liefern Worn Through aus Baltimore, die zwar mit ihrer Country und Indie Pop Mischung nicht gerade die verbrauchte Energie wieder zurückbringen (das konnte nur Mars in den 60ern), aber ich fühle mich seltsam entspannt und gebe mich der totalen körperlichen und geistigen Erschlaffung hin. OK.

Just Because Records (Tape) und Strange View Records (LP). 50 Kassetten, 100 LPs und 300 digitale Downloads. Das Debüt der fünf Twang Rocker kann man sich auf verschiedene Arten und Weisen zu Gemüte führen. Wenn man alle drei gleichzeitig nutzt, explodiert die Hifi-Anlage und heraus kommt eine Mini-Disc. Krass.

Tuff Bluff – Bereaver / Two Birds 7″

Zwei neue Songs von Tuff Bluff aus Denver, die wunderbar Garage Punk-poppig von der Mile-High Stadt heruntergepurzelt kommen. Die drei Blöffer klingen ein Jahr nach ihrer LP noch immer nach einer Mischung aus Lemuria und Martha und machen damit alles richtig, um auf die Playlist für den Freibadausflug auf dem BMX Rad zu kommen.

Hubbu Bubba, Hose runter, Wasserrutsche.

"Bereaver" ist entweder ein "legendary" Mega-Schwert aus einem bekloppten Fantasy-Game, oder einfach nur ein altes Wort für einen Räuber ("a person who bereaves"). Könnt ihr ja mal im Englischunterricht fragen. "Two Birds" sind entweder 2 Zwitscher-Vögel oder Brautjungfernkleider aus New York. OK.

Sport – In Waves LP

Ein denkbar schlechter Zeitpunkt für das Comeback von Sport nach 9 Jahren Abstinenz. Da hat man sich von Kopf bis Fuß ordentliche Speckrollen antrainiert, sieht inzwischen aus wie das Michelin Männchen, die Lunge pfeift leidenschaftlich bei jeder Rolltreppenstufe und dann kommt man plötzlich in der heißesten Zeit der letzten 2000 Jahre auf die Idee, wieder Sport zu treiben?

Puh. Einerseits natürlich begrüßenswert, schwitzt euch gesund, aber andererseits fängt jetzt so langsam die Zeit an, in der Menschen einfach wegen des Wetters sterben. Muss jeder für sich selbst abwägen, ne?

Der Sound aus Lyon ist auf jeden Fall kein bisschen eingeschlafen oder ermattet, diese Emo Indie Rock Punk Dudelei funktioniert noch immer sehr gut mit einem frischen Croissant und einer großen Tasse schwarzen Kaffees. Heimlich dazu unterm Tisch eine selbstgedrehte Zigarette rauchen, man muss ja nicht direkt übertreiben. OK.

Wenn ich das richtig sehe, erscheint das Album auf 15 Labels. Die zähle ich nicht alle auf. Das Rauchen ist in Frankreich an öffentlichen Plätzen inzwischen auch verboten. Zut alors.

Laurel Canyon – Stranger

Sind hier Fans von Mudhoney oder den Screaming Trees anwesend? Oder seid ihr alle zu jung…hm. Wie wärs mit Velvet Underground? Haha, schon ok – ihr müsst ja nicht jeden Scheiß von früher mitmachen.

Falls euch die Bands nichts sagen, dann ordnet Laurel Canyon heute mal unter anachronistische Jungengruppe mit seltsamen Gitarreneffekten ein, das passt schon.

Der Name stammt von einem tatsächlichen Canyon, also einer Schlucht in Kalifornien, wo sich viele Musiker und Schauspieler in ihren Villen tummeln und Drogen nehmen und Kinder essen, oder was die Reichen halt so machen. Von Neil Young über Iggy Pop bis zu Slash alles recht rocklastige Gestalten, was auch den Sound der Band gut erklärt. Irgendwo aus den Mülltonnen der Millionäre die Reste der Noten zusammencontainert und geschwind ein paar Hits mit der heißen Heroinnadel zusammengestrickt. Wunderbarer Sound, tolle Band.

Agitated Records. Nach dem Album vor 2 Jahren ist das jetzt erst einmal nur ein einzelner Song, der digital veröffentlicht wurde. Das Cover huldigt auch eher einer psychedelischen goldenen Vergangenheit der Rockgeschichte als dass es moderne Zeiten versprüht. Macht nichts, ich fands im Allgemeinen gestern auch besser als heute.

White Reaper – Only Slightly Empty LP

Neues von dem Ende der Wurst. Und von dem anderen auch. Insgesamt 12 EU-Länder möchten erreichen, dass man nicht mehr diese wahnsinnig irreführenden Begriffe wie Sojasteak oder Veggie-Burger verwenden darf, weil man damit ja echte Steaks aus Gammelfleisch und echte Burger-Patties aus traurigen Kuhaugen verwechseln könnte.

Und das wäre schlimm, sagen die Schweinebauern. Europas höchste Konsumentenschutzbehörde spricht sich allerdings gegen eine Verschärfung aus. Spannende Zeiten.

Andere Neuigkeiten. White Reaper sind jetzt auf Blue Grape Records gelandet und bringen im September ein neues Album raus. Das letzte Album ist erst zwei Jahre her, war auf Elektra und teilweise mit Metalriffs und Solis ausgestattet, bei denen das neue Label wohl hellhörig geworden ist. Vielleicht bedeutet der Weggang von Elektra, dass die LP-Preise nicht bei 40€ starten, mal sehen.

Wen interessiert sowas eigentlich? Indie Rock Pop einer Band, die vor 10 Jahren mal Ohrenwürmer am Fließband produziert haben und heute ein bisschen alt und ausgepowert klingen. Ich. Ich interessiere mich dafür, wenn ich nicht gerade in Fachzeitschriften der Fleischindustrie blättere und die geschmackvollen Werbeanzeigen ablecke. Einfach geschmacklos, der Typ.

Blue Grape. Im Moment digital bei Bandcamp vorbestellbar, aber für den einen Song investiere ich noch nicht mein Taschengeld. Dann warten wir mal bis September und schauen uns die vielen Farbvarianten der Vinylscheiben an. Wieso darf man eigentlich noch solch irreführende Begriffe wie "Bärchenwurst" und "Fleischtomate" verwenden. Man ist ja als Konsument total verunsichert. Schlimm.

Habit – Peer Impact Demo CS

Ist das Ressourcenverschwendung oder Punk? 13 Sekunden "Song" auf Kassette. Aus dem Jahr 2016. Auf der B-Seite hört man 10 Minuten Klimaaktivisten weinen.

Slow Death Records. Ich versteh den Witz nicht.

Sekunderna – Hits LP

Wie weit in den Norden muss ich eigentlich auswandern, um diesem Klimawandel zu entfliehen und erträgliche Temperaturen tags- und nachtsüber anzupeilen? Reicht Umeå da schon? Ich mein, das liegt ungefähr auf der Höhe von Fairbanks in Alaska und Reykjavik auf Island – kennt man beides nicht unbedingt als Glutnester.

Ich frage ja nur, weil ich dann zumindest auch noch gute Musik vor Ort genießen könnte und mir an kalten Tagen das Herz mit original schwedischem Power Pop Garage Punk erwärmen kann… Beweisstück B: Sekunderna’s neue LP. Nur Hits, will uns der Titel glauben machen, aber ich kenne die alten Sachen, also ist das nicht übertrieben. Momentan kann man 2 von 11 Hits schon einmal vorhören und sich mental auf 12°C und Regen einstellen. Herrlich.

Fika Recordings (UK), Bloated Kat Records (US) und irgendjemand in Schweden – fragt im Zweifel einfach die Band, die sind nett. Kommt auf limitierter Vinyl LP raus und im Sommer touren die Jungs durch den heißen Teil Europas. Cool. Hot.

Rockdogs – Mixtape CS

Habt ihr das auch bei der Tagesschau gelesen, dass jedes vierte Kind in einer kinderreichen Familie lebt? Hat mich jetzt nicht so umgehauen, die News.

Ich dachte, na klar, wenn man schon drei Kinder hat und dann kommt das vierte hinzu, dann isses ja klar, dass es sich um eine kinderreiche Familie handeln muss. Oder fängt das erst bei fünf Kindern an? Reichtum ist so schwer zu beziffern, ne?

Apropos. In Melbourne haben die Menschen unterdessen einen gewissen Reichtum an überdurchschnittlich tollen Bands angehäuft und können es sich leisten, aus den Musikanten ein komplettes Fußballteam zu gestalten, das dieses Jahr, um genauer zu sein letzte Woche, tatsächlich den Reclink Community Cup gewonnen. Ich werde da nicht ins Detail gehen, schaut euch den Kram mal an, sieht nach einer richtig tollen Sache aus, die offensichtlich auch viel Freude bereitet.

Und naja, nebenbei gibts da eben auch tausend coole Leute aus tausend coolen Bands, die dann zur Feier des Tages und für einen guten Zweck ein Mixtape veröffentlicht haben. 38 Songs. Ich wette, ihr kennt nicht jede Band und ich wette noch dazu, dass ihr hier einen neuen Liebling findet. Rock, Punk, Indie, taralalal. Toll.

Roolette Records. Auf Kassette erschienen (und ausverkauft) und ausgewählte Songs auch auf einer LP, aber die gibts nur in Australien. Ich bin ein bisschen verwirrt, was jetzt Football bei denen bedeutet. Sieht doch irgendwie nach Rugby aus, aber was weiß ich schon von Sport. Go Rockdogs!