The Effects – Eyes to the Light LP

Man könnte hier so langsam den Eindruck bekommen, ich würde inzwischen auf meine alten Tage nur noch Rock und Pop hören. Uff, wenn man das so liest, bekommt man direkt Würgreflex. Ich wollte eigentlich bloß darauf eingehen, dass ich tatsächlich einen relativ breit gefächerten Musikgeschmack hab, der sich nicht unbedingt hier immer widerspiegelt. Und um mein musikalisches Gewissen zu beruhigen, möchte ich endlich mal wieder eine Dischord Band empfehlen. Ja, das Label gibts noch und die machen nicht nur Rereleases. Nee, die haben im letzten Jahr zum Beispiel ein ganz fantastisches Album von The Effects veröffentlicht!
Eyes to the Light ist der erste Langspieler der Band nach zwei veröffentlichten Kassetten-Singles. Kassetten-Singles! Naja, darüber hab ich mich ja gerade erst ausgelassen. Auf jeden Fall ist das Album der drei Jungs aus Washington D.C. ziemlich großartig und passt in die Schaffensphase des Sängers und Gitaristen Devin Ocampo, der zuvor bei so genialen Bands wie Faraquet, Smart went Crazy oder Medications gespielt hat. Die drei Bands waren im übrigen auch alle auf Dischord, hier ist man sich also seit 20 Jahren (!) treu geblieben. Und nicht nur dort, auch der Sound von The Effects ist deutlich an den genannten Bands angelehnt, naja zumindest nah an Faraquet. Melodisch vertrackter Post-Kram, bei dem man nicht unbedingt als Deutscher im Takt mitklatschen kann, aber unbedingt dennoch zu irgendeinem gefühlt/gehörten Takt mitwippen muss. Nicht nur für Freunde von Dischord eine klare Empfehlung.

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Wer hat Angst vor dem schwarzen Band?

Neulich hab ich eine Meldung gelesen, dass die Verkäufe von Audiokassetten im Jahr 2017 um 35% gestiegen sind. 35 Prozent! Man hat wohl im Jahr 2016 ca. 129 000 Stück verkaufen können und im letzten Jahr nun 174 000. Das behauptet zumindest die verlässliche Quelle des Hollywood Reporters. Hä? Fragt ihr euch jetzt, warum der bekackte Hollywood Reporter auf einmal eine Quelle für musikrelevante Themen ist?

Ja nun – der Grund für diesen rasanten Anstieg der Verkäufe sind die Soundtracks von Serien und Filmen. Vor allem der Soundtrack zu den beiden Teilen von „Guardians of the Galaxy“ wurde im Jahr 2017 zum Kassenschlager, oder besser zum Kassettenschlager, haha. Auf den ersten drei Plätzen der Verkaufscharts für Audiotapes halten also die Hüter der Galaxie Wache (*). Auf dem vierten Platz mit 3000 verkauften Kassetten folgt dann auch schon der Soundtrack zu der Serie „Stranger Things„.
Und daran kann man auch schon erahnen, warum ausgerechnet diese Musik auf Kassetten so beliebt ist – Das Ambiente von „Stranger Things“ ist ja sowas von in den 80er Jahren angesiedelt, dass man vor lauter Referenzen fast nicht mehr der Story folgen kann. Und da passt natürlich das Medium der Kassette ziemlich gut mit rein – zugegeben auch die Schallplatte, die natürlich ebenfalls verkauft wird (anderes Thema). Denn das echte „Stranger Things“ Feeling kommt natürlich nur mit einem Relikt aus den 80ern so richtig gut. Sei’s drum. Nur, wer hört sich das eigentlich komplett an? Die Titelmelodie, ok. Aber den ganzen Rest? Nun ja. Weiterlesen

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Clowns – Lucid again LP

Clowns aus Melbourne haben mit ihrem dritten Album ganz schön auf die Kacke gehauen. Die unermüdlich tourenden Australier sind zuvor eigentlich eher mit ihrem hochenergetischen Hardcore-Punk-Gemisch aufgefallen und knüppelten ordentlich böse vor sich hin. Nicht, dass mit Lucid again jetzt das Publikum eingeschläfert wird, nee. Ganz im Gegenteil. Clowns sind nach wie vor mit Raketen im Arsch unterwegs und stehen mächtig unter Druck, wenn sie auf der Bühne stehen und diese ganze Energie aufbauen, bündeln und dann gezielt freisetzen.

Jetzt furzen sie halt nicht mehr laut von der Bühne herunter, sondern stinken das Publikum eher subtil mit feinen Pupsern zu. Keine Ahnung, ob es an der talentierten neuen Bassistin Hanny liegt, die nun bei den Clowns mitspielt, dass die Band nun eher verspieltere Töne an den Tag legt. Auf jeden Fall ist Lucid again wesentlich melodischer und viiieeeel ruhiger als seine Vorgänger, was der Band wirklich gut steht. Auch hier bietet sich die Frage an: ist das noch Punk Rock? Ist das noch Hardcore? Ist das nicht eigentlich schon Rock?

Und auch hier gilt, die Entwicklung der Band ist großartig, mir gefällt das sehr gut, wenn ab und zu etwas mehr Tiefe geboten wird. Und bei einer Spiellänge von 45 Minuten ist hier angenehm viel Platz für diese atmosphärische Tiefe. Dass Stevie ein unglaublich guter Schreihals ist, muss ich eigentlich nicht erwähnen. Dieses Album lief im letzten Jahr sehr häufig bei mir, vielleicht auch deswegen, weil ich die Band mehrmals live genießen durfte und sich diese Performance immer wieder sensationell ins Hirn gebrannt hat. In Australien bei Poison City und in Europa bei This Charming Man erschienen – demnächst dann auf nem Major?

Eines der besten Alben 2017. Ich höre zu viel Rock.

Crusades – This is a Sickness and Sickness will end LP

Crusades aus der kanadischen Hauptstadt Ottawa haben im letzten Jahr ebenfalls ein Album veröffentlicht, das meiner Meinung nach in die End-Jahres-Charts-Liste von den besten Punk Rock LPs gehört. Ich glaub, das sehen viele Idioten anders und vielleicht muss ich daher ein bisschen weiter ausholen, damit man das verstehen kann.

Das dritte Album der Poppunkmetalrocker wurde bereits im Frühling 2016 eingespielt und ist damit eigentlich schon nicht mehr aktuell, aber was solls. Umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass bald schon wieder etwas Neues von den vier Kreuzrittern das Licht der Welt erblickt. Auf ‚This is a Sickness and Sickness will end‚ gehen Crusades ihren Weg konsequent weiter, dessen Ziel mir allerdings völlig unklar ist. Angefangen hat die Band als Pop Punk Kapelle mit düsteren Texten und düsterem Artwork, sodass man beim bloßen Anblick der Singles und der ersten LP eigentlich an eine Black Metal Band aus Skandinavien erinnert war. Da denkt man doch „Ja, die zünden Kirchen an und laufen im Schnee bei Nordlicht durch die Wälder, um Bandfotos zu machen“. Aber der Sound der ersten LP ‚The Sund is down and the Night is riding in‚ lief ganz klar auf der Pop Punk Schiene, deswegen wahrscheinlich auch damals auf ‚It’s Alive‚ veröffentlicht.

Das zweite Album ‚Perhaps You Deliver this Judgment with Greater Fear than I Receive It‚ (die reizen die Titellänge einer LP auf jeden Fall aus – nicht ganz so schlimm wie die erste Snuff LP, bei der die Discogs Seite immer zerschossen wird, aber immerhin) ist schon wesentlich hymnenhafter und zwinkert auch bei einigen Riffs heftig in Richtung der Metal Ecke, ist dabei allerdings stets tief im Punk Rock und Hardcore verwurzelt. Klar, die Songs werden länger und die gesamte Ästhetik ist auf die antiklerikale Lobhudelei des Giordano Bruno ausgelegt, klassischer Punk Rock ist das zum Glück nicht mehr.Man hat sich hier einfach ein wenig entwickelt, mit der ersten großen Liebe auseinandergelebt und flirtet nun mit der „Erwachsenenwelt“.

Und dann dieses Jahr also das dritte Album. Crusades gehen hier noch einen Schritt weiter und zelebrieren ihre hymnenhaften Lieder über eine völlig inakzeptable Spiellänge von 5 bis zu fast 6 Minuten. Das ist ja kein Punk mehr, das ist ja schon Rock. Ja nun, keine Ahnung, was das genau ist, aber es ist großartig. Hier werden Streicher, Orgel und Keyboard eingesetzt. Chöre im Hintergrund, mantramäßige Wiederholungen von Refrain und Melodien zu einem enorm gedrosselten Tempo – ja, das ist eigentlich eher Rock als Pop Punk. Mir allerdings wurscht. Ich freu mich über die Entwicklung der Band und mag jede Phase und jedes dazugehöriges Album wahnsinnig gern. So auch dieses Meisterwerk aus Pathos, Hymne, Pop, Rock, Punk und Metal. Wenn das Debüt vielleicht die kindliche Pop Punk Liebe ist und das zweite Album mit ausgefeilterem Songwriting und komplexeren Strukturen ein Heranwachsen an die Ernsthaftigkeit der Dinge war – dann ist dieses ‚This is a Sickness…‘ Album keineswegs diesen beiden Stadien komplett entwachsen, aber ein großartiger Ausdruck von Erfahrung und Savoir-Faire. Das klingt jetzt ein bisschen schwülstig und abgedroschen, aber ich hab das Album gerade nebenbei noch einmal laufen lassen und dabei kommt man auf so hochtrabende Ideen/Formulierungen. Crusades vereinigen hier das Beste aus ihren letzten beiden LPs und packen noch ne Prise Pathos oben drauf. Geil.
Hab ich im Jahr 2017 sehr sehr oft gehört und daher kommt das auch in dieses Best of.